Storytelling ist nicht gleich Storytelling

Wer jahrelang als Storyteller in einer der größten Webvideo-Agenturen Deutschlands gearbeitet hat, der hat vermutlich einiges, ahm… zu erzählen! Wir haben unserem Head-Storyteller eine Frage gestellt: Wie steht es derzeit um das so hochgepriesene Storytelling, den heiligen Gral der Erklärvideo-Industrie, der dafür sorgt, dass ein Video eher bis zum Ende geschaut wird?

Geschichten hören wir, seit wir … nun, hören können. Und wir erzählen sie täglich. Darum können wir uns Dinge besser merken, wenn sie als Geschichte verpackt werden. Die Tatsache ist aber: Nicht für jedes Anliegen eignet sich das so hochgepriesene Storytelling der meisten Erklärvideo-Agenturen. Wer ein Finanzprodukt erklären möchte, der braucht keine lustigen kleinen Männchen, und wer ein Video für ein neues Medikament braucht, der kommt gut und gerne ohne süße, tanzende Pillen aus (auch wenn der Autor ganz klar bekennen muss, dass er die Idee ziemlich lustig findet).

Damit kommen wir zum Punkt: Wir leben nicht mehr in Höhlen. Wir versammeln und nicht mehr um einen alten, bärtigen Mann, der von seinem letzten Ausflug ins Moor berichtet. Wir haben uns weiterentwickelt – und wir verfügen durchaus über genug Aufmerksamkeitsspanne, um ein 60 Sekunden Video anzuschauen, das seriös informiert, anstatt uns pseudo-emotional packen zu wollen. Der Witz ist: Jedes Video erzählt automatisch eine Geschichte. Die Fähigkeit, Storytelling zu betreiben, ist eine Grundvoraussetzung für jeden Konzepter, die der Beruf nun mal mit sich bringt. Genauso sollte ein Illustrator mit dem Bleistift zeichnen können … und ein Projektmanager gewisse organisatorische Fähigkeiten mitbringen.

Die Frage ist nur, ob das Storytelling zum Inhalt passt. Der Volksmund würde sagen: Ob man den richtigen Ton getroffen hat. Erfolgreiches Storytelling bedeutet folglich nicht, dass man Geschichten erzählen kann – das kann auch mein Großvater nach ein paar Bier. Vielmehr ist es die Fähigkeit, sich so tief in eine Thematik hineinzuversetzen, dass man lernt, ihre Sprache zu sprechen. Es ist ein intuitiver Prozess, der viel Erfahrung und eine Prise Fingerspitzengefühl benötigt. Nur so kommt das freshe Start-Up zum außergewöhnlichen, witzigen Video und der Finanzdienstleister zum informativen Produktvideo. Denn am Ende zählt nicht, welchen verrückten Einfall der Konzepter hatte, sondern immer nur, ob das Anliegen in der Sprache des Zielpublikums kommuniziert wurde.